BACK TO THE FUTURE… ...BORDEAUX !!
Veronique Sanders von Haut Bailly hat den Jahrgang überschrieben mit
„Singing in the rain“.
Und das trifft es sicher gut. Von einem schon extrem nassen Winter wurde die verregnete Lese nur durch kurze regenfreie Phasen im Frühjahr und einer warmen und trockenen Zeit im Juli und August unterbrochen. Ansonsten waren Gummistiefel statt Sneakers im Weinberg angesagt.
Die Pilze fühlten sich im Schlaraffenland. Mehltau die ganze Zeit und zur Lese noch Botrytis.
„Sort, Baby, Sort!“ Viele Châteaux sortierten die Lese bis zu viermal. Der Ausschuss war groß. Der Ertrag bei den meisten Châteaux entsprechend gering.
Ein arbeitstechnisch extrem aufwändiger und teurer Jahrgang. Für die Chateaux! Und das Ergebnis? Von einem schwachen Jahrgang war die Rede. Schwach? Keine Spur. Auf klassische Art klasse. Und vielleicht hat es genau diesen Jahrgang gebraucht. Genau jetzt, in einer Zeit, in welcher viele Dinge im Umbruch sind und eine neue Richtung erhalten. Auch Bordeaux ist hier gefordert.
Die besten 2024 Bordeaux, und es gibt viele gute bis sehr gute Weine, haben das, was wir Weinliebhaber:innen stets an Bordeaux so liebten. Aber in vielen Jahren und bei vielen Châteaux vermissten. Die dichten, teilweise fetten Weine mit üppiger Frucht, Süße am Gaumen und hohen Alkoholgehalten? Ist das wirklich Bordeaux? Wo waren sie, die schönen Aromen von rotbeeriger Frucht, knackigem Cassis und feiner Paprika? Wo die so geliebte Struktur mit guter Säure und reifen, aber deutlichen Tanninen? Weichgespülte und teilweise austauschbare Highscorer. Aber wofür gab es die hohen Punkte? Und sind nur diese wirklich das Ziel der Châteaubesitzer:innen und Winemaker? Ist es das, was wir Bordeauxliebhaber:innen an den Weinen dieser großartigen Region so lieben? Dies trifft nicht auf alle Châteaux zu. Aber auf zu viele.
Ich hatte in der Primeurwoche die Gelegenheit, viele Jahrgänge zurück bis 1935 zu verkosten. Klassische Jahrgänge mit geringem Alkohol, prägnanter Säure in der Jugend, mittlerem Körper und teilweise extrem kantigen Tanninen (1975). Wie wunderbar zeigen sich diese Weine heute. Immer noch!! Aber 20, 30 oder 50 Jahren soll und muss man nicht warten… müssen. Diese Zeiten haben sich geändert. Bordeaux soll und muss auch jung Spaß machen.
Die so hochgelobten Jahrhundertjahrgänge? Ich wähle diese nie im Restaurant. Ich gehe stets auf die Klassiker. Vor allem die 4er und 6er Jahrgänge der letzten 30 Jahre. Tolle Weine mit Struktur und Kanten.
Der Stil des Jahrgangs 2024? Er wurde den Winzern und Winzerinnen von der Natur diktiert. Sie konnten nicht anders. Aber mit diesem Jahrgang sind wir da, wo Bordeaux immer war. Wo Bordeaux immer stark war. Nun bin ich für die Zukunft gespannt, ob manche Châteaux einen so klassischen Stil auch in einem sehr guten Jahrgang zu erzeugen… wollen… können.
Der Stil Bordeaux muss sich wieder ändern. Hin in die Zukunft, so wie Bordeaux früher war. Back to the Future. Wir brauchen keine Weine für Tastings, um möglichst hohe Punkte zu erzielen. Wir brauchen Bordeaux, die wir gerne trinken. Klassiker. Ich trinke keine 100 Punkte. Ich genieße Wein.
Auch die sich ändernden Bedingungen durch die Klimaveränderungen gilt es zu berücksichtigen. Eine frühere Lese bei physiologisch reifen Tanninen könnte für eine Zeit Vorteile bringen.
Und auch die Preise müssen zurück, damit Bordeaux eine Zukunft hat. In meinen ersten Jahren im Weinhandel kosteten die 1993er 1er Crus umgerechnet 36 EUR/Fl. in der Subskription. Diese Zeiten sind vorbei. Aber jene der Preise des bspw. 2010er Jahrgang ebenfalls. Alles eine Frage der Balance.
Es braucht wieder eine Kalkulation, welche auf den Selbstkosten aufbaut. Und nicht am Wunschpreis einer Luxusmarke. Dies trifft nicht auf alle Châteaux zu. Aber auf zu viele. Wenn ich Bordeaux trinke, will ich Wein. Keine Marke. Keinen Brand. Viele unserer Kunden folgen einem Château. Kaufen den Wein jedes Jahr. Sie lieben den Stil des Weines. Nicht die Punkte. Kauf en primeur ist Vertrauenssache und auch Risiko für die Kunden:innen. Und wenn diese Bordeauxliebhaber:innen den in Subskription gekauften Wein bei der Auslieferung zum selben Preis kaufen können oder sogar günstiger, wie bei einer Vielzahl der Châteaux der letzten Jahrgänge, hat das System Kauf en primeur keine Zukunft.
Die Stilistik der 2024er Bordeaux ist klass(e)isch. Ein Jahrgang, wie es ihn jetzt gebraucht hat. Ich war skeptisch, bevor ich nach Bordeaux fuhr. Und viele Händler ließen sich wohl vom „forecast“ abschrecken und sind erst gar nicht nach Bordeaux gereist. Ein großer Fehler. Man musste nach Bordeaux, um sich eine Meinung zu bilden und Empfehlungen aussprechen zu können. Nur Bewertungen von Kritikern:innen zu kopieren? Kann man machen. Ist aber nicht unser Stil. Nicht der Stil eines professionellen Primeurhändlers. Kauf en primeur ist Vertrauenssache.
Jetzt freue ich mich auf die Kampagne und den Austausch mit meinen Kunden. Mit Ihnen.
Ihr Michael Severin Grimm
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